Bevor es vielleicht zu spät sein könnte

Sehr viele Menschen kommen irgendwann einmal an den Punkt, wo sie sich fragen, ob eine Paartherapie nicht vielleicht sinnvoll wäre. Aber oft ist es einem unangenehm, zu einem Paartherapeuten oder Eheberater zu gehen.
Aber überlegen Sie bitte einmal: wenn uns z. B. unsere Gelenke Probleme bereiten, gehen wir zu einem Orthopäden, bei Zahnbeschwerden zu einem Zahnarzt. Warum sollte man da nicht bei Beziehungsfragen zu einem entsprechenden Fachmann gehen? Denn wenn Sie den Artikel über Paarbeziehungen lesen (z. B. „Wie Paarbeziehungen funktionieren“), wird vielleicht deutlich, dass derart viel Unbekanntes und Unbewusstes entscheidende Rollen spielen, so dass man alleine zumeist völlig überfordert wäre, die Hintergründe zu entwirren.
Und mit in die Waagschale sollte die oft nicht bekannte Tatsache gelegt werden, dass eine Paartherapie sehr viel kürzer ist als eine Einzeltherapie.

Insofern empfehle ich Ihnen, sich auf Ihre Beziehung zu besinnen und sich z. B. folgende Fragen zu stellen:
- Sagen Sie sich, dass zwar vielleicht Probleme da sind, Sie es aber »alleine schaffen müssen«?
- Redet Ihr/e Partner/in von Problemen, Sie aber können gar keine sehen?
- Oder umgekehrt: gibt es in ihrer Beziehung Themen, die sie schon seit langer Zeit – vielleicht schon seit Jahren – immer wieder versuchen, dem anderen begreiflich zu machen?
- Kennen Sie Situationen, dass nach vielen Gesprächen dann doch Probleme geändert werden, man wieder Hoffnung schöpft, aber es nach wenigen Tagen oder Wochen doch wieder im alten Trott läuft?
- Haben Sie vielleicht zur Zeit kein herzliches oder liebevolles Gefühl mehr zu Ihrem Partner?
- Haben Sie sich vielleicht innerlich zurückgezogen oder in äußere Aktivitäten geflüchtet, z. B. Kindererziehung, Beruf, Hausbau? Haben Sie sich also „arrangiert“ (= Phase 2 von „Phasen in Paarbeziehungen“)?
- Verschweigen Sie vielleicht irgendwelche Dinge, um den anderen nicht zu „beunruhigen“? Z. B. dass man eine/n netten Jogging-Partner/in kennen gelernt hat?
- Gibt es vielleicht Symptome irgendwelcher Art bei jemandem aus der Familie (besonders bei Kindern)? Also z. B. Bettnässen, Zündeln, Diebstahl, Gewalt, Frustessen oder andere Süchte?

Wenn auch nur eines dieser Beispiele irgendwie auf Ihre Situation zutreffen sollte, sollten Sie auf jeden Fall eine Paartherapie erwägen.
Denn:
- Zu oft habe ich Paare erlebt, die es „allein hatten schaffen wollen“ und dadurch Jahre verloren oder manchmal auch zu spät kamen! Eine Paarbeziehung wird von vielen unbewussten und daher meistens unbekannten Kräften gesteuert, die meist nur mit fachlicher Hilfe gedeutet werden können.
- Wenn auch nur einer von beiden sagt oder auch nur andeutet, dass irgendein Problem da sei, haben automatisch beide ein Problem. Denn dann steht ja etwas zwischen beiden.
- Wenn jemand mit seinen Sorgen nicht gehört wird oder die Probleme nicht dauerhaft abgestellt werden, dann müssen zwangsläufig die Gefühle zueinander allmählich versanden, bis sie ganz blockiert sind. „Arrangieren“ (genauer: Flüchten) ist dann natürlich keine Lösung, sondern lässt nur wertvolle Lebenszeit verstreichen.
- Wenn es sich um „harmlose“ Dinge handelt, gilt: wenn es wirklich harmlos wäre, könnte darüber auch ohne Weiteres gesprochen werden! Wenn man es trotzdem nicht macht, dann – so habe ich es auch oft genug miterleben müssen – ist man meist schon unbewusst dabei, sich aus der Beziehung zu verabschieden! Eine „Affäre“ ist dann nur noch eine Frage der Zeit.
- Symptome wiederum sind Indikatoren, Hinweise darauf, dass starke seelische Kräfte irgendwie verkehrt laufen, dass also etwas Wichtiges nicht stimmt. Worum es dabei geht, sollte herausgearbeitet werden, bevor Symptome sich verfestigen und dauerhaft verselbständigen.

Insgesamt kann ich nur ans Herz legen, nicht zu lange mit einem Therapiebeginn zu warten. Denn auch das habe ich leider miterleben müssen, dass jemand (meistens die Frau) viele, viele Monate oder Jahre versucht hatte, den Partner zu einer gemeinsamen Therapie zu bewegen, aber es wurde nicht angenommen. Und als der andere irgendwann aufwachte, war es zu spät! Denn Gefühle können auch „sterben“ – was aber auch nicht unbedingt bedeuten muss, dass sie für alle Zeiten weg sind, Gefühle können auch „nur“ verschüttet sein, und dann wieder belebt werden. Aber das ist nicht zu garantieren, sondern kann dann nur wie eine Gnade verstanden werden.

Weiter führende Hinweise, besonders auch über Paartherapeuten in Ihrer Region, können Sie unter www.ehe.de finden. - Meine Intensiv-Wochenenden (für jeweils ein Paar) wird besonders von weit entfernt wohnenden Paaren gern genutzt und es wurde bisher immer eine gewisse Klarheit über die gegenwärtige Beziehung erreicht. Dann aber sollte ggf. eine Paartherapie vor Ort darauf aufbauen und sich anschließen.

Nach oben